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19.02.2026 – Regionalverband Baden-Württemberg

Neue S3-Leitlinie Mammakarzinom: Das sind die wichtigsten Neuerungen für Physiotherapeut*innen

Die aktualisierte S3-Leitlinie „Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms“ (Version 5.0, Dezember 2025) wurde veröffentlicht. Sie bildet den aktuellen Stand der Wissenschaft ab und wurde vollständig überarbeitet. Für Physio Deutschland wirkte Ulla Henscher, langjährige Physiotherapeutin, als Autorin in mehreren Arbeitsgruppen an der Aktualisierung mit.

Die Leitlinie ist nun in fünf Kapitel und 27 Module gegliedert. Neu aufgenommen wurden unter anderem Module zu Transgender und Brustkrebs, Brustrekonstruktion, spezielle Tumorentitäten sowie Aspekte der Gesundheitskompetenz und digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA). Erstmals ist außerdem das Mammakarzinom des Mannes mit einem eigenen Kapitel berücksichtigt. „Die neue Leitlinie stärkt die Rolle der Physiotherapie im interdisziplinären Behandlungsteam und macht deutlich, wie wichtig Bewegungsangebote und funktionelle Therapie in allen Phasen der Erkrankung sind“, erklärt Ulla Henscher.

   

Warum die Aktualisierung notwendig war

Brustkrebs ist weiterhin die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland. Jährlich erkranken über 70.000 Frauen neu. Männer sind deutlich seltener betroffen, dennoch wird das Mammakarzinom des Mannes erstmals systematisch berücksichtigt. Die dynamische Entwicklung neuer Therapieoptionen sowie neue Erkenntnisse zu Nachsorge, Rehabilitation und Lebensstilfaktoren machten eine umfassende Überarbeitung der Leitlinie erforderlich. Ziel ist eine qualitätsgesicherte, multidisziplinäre Versorgung von der Früherkennung bis zur Langzeitbetreuung.

    

Physiotherapie im Fokus: Nachsorge und Langzeitbetreuung

In den Kapiteln Nachsorge und Langzeitbetreuung sowie Rehabilitation wird die Physiotherapie als fester Bestandteil der Versorgung hervorgehoben. Physiotherapeut*innen tragen wesentlich dazu bei, Funktionseinschränkungen zu reduzieren, Neben- und Spätfolgen der Therapie zu behandeln, die Lebensqualität zu verbessern, die Rezidivrate zu verringern und das Gesamtüberleben zu erhöhen. Empfohlen wird unter anderem die komplexe physikalische Entstauungstherapie bei Lymphödemen nach operativen Eingriffen oder Lymphknotenentfernung. Da Lymphödeme auch Jahre nach Abschluss der Primärtherapie auftreten können, ist eine fachgerechte und langfristige physiotherapeutische Betreuung von großer Bedeutung.

„Gerade die frühzeitige Mobilisation und individuell angepasste Trainingsprogramme sind entscheidend, um Funktionseinschränkungen zu minimieren und Spätfolgen vorzubeugen“, erklärt Ulla Henscher. Auch die postoperative Bewegungstherapie nimmt einen zentralen Stellenwert ein. Ziel ist es, die Schulter-Arm-Funktion zu erhalten, Kontrakturen zu vermeiden und die Rückkehr in Alltag und Beruf zu unterstützen. Die Leitlinie betont dabei die Notwendigkeit individuell abgestimmter Übungsprogramme, angepasst an Operationsverfahren und begleitende onkologische Therapien.

   

Rehabilitation: Ganzheitlicher Ansatz

Rehabilitation wird in der Leitlinie als ganzheitlicher Prozess verstanden, der körperliche, psychische und soziale Aspekte einbezieht. Evidenzbasiert empfohlen sind Kraft- und Ausdauertrainingsprogramme, die nachweislich therapiebedingte Fatigue reduzieren und die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern. Auch die Prävention von Folgeerkrankungen wie Osteoporose sowie die Förderung eines aktiven Lebensstils werden in der Leitlinie hervorgehoben.

„Rehabilitation bedeutet für uns Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten weit mehr als Bewegungstraining – wir begleiten Betroffene gezielt, auch bei Themen wie Fatigue, Belastbarkeit und langfristiger Gesundheitsförderung“, betont Ulla Henscher. Die Leitlinie empfiehlt für Erwachsene mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche. Ein aktiver Lebensstil wird als wichtiger Bestandteil der Nachsorge beschrieben.

   

Neu: Mammakarzinom des Mannes

Erstmals enthält die Leitlinie ein eigenes Kapitel zum Mammakarzinom des Mannes. Männer mit Brustkrebs haben ein erhöhtes Risiko für ein kontralaterales Mammakarzinom, weshalb eine strukturierte Nachsorge empfohlen wird. Für die physiotherapeutische Betreuung gelten die gleichen Grundsätze wie bei Frauen: Lymphödemprophylaxe, Funktionserhalt und Unterstützung bei der Rückkehr in den Alltag.

   

Fazit und Ausblick

Fazit: Die neue S3-Leitlinie Mammakarzinom liefert eine umfassende, evidenzbasierte Grundlage für die physiotherapeutische Versorgung – von der Akutphase über Rehabilitation bis zur Langzeitbetreuung. Sie unterstreicht die Bedeutung von Bewegung und funktioneller Therapie und stärkt die Rolle der Physiotherapie im interdisziplinären Team.


Alle Details sind hier verlinkt: 

Infos zu den Patient*innenleitlinien: Die Patientinnen- und Patientenleitlinien liegen derzeit noch in der Version von 2018 vor, eine Aktualisierung ist angekündigt. Sie bieten weiterhin eine verständliche Orientierung und können ergänzend in der physiotherapeutischen Beratung genutzt werden.