Login Mitglieder
A- A A+ Startseite Patienten‌ & Interessierte Fachkreise
11.03.2016

Kein Geld – keine Physios – keine Versorgung! Wer dies ernst nimmt, muss seine Privatpreise deutlich erhöhen!

Im Januar und im März 2016 führt der ZVK-Nordverbund insgesamt 4 Informationsveranstaltungen zum Thema Privathonorierung durch. Zu diesem Thema haben wir in der aktuellen Ausgabe der Mitgliederzeitung „Zur Sache Physiotherapie“ ein Interview der Zeitung mit unserem Vorstandsmitglied Wim Jansen und unserem Geschäftsführer veröffentlicht. Aus Platzgründen musste das Originalinterview gekürzt werden. Das vollständige Interview finden Sie hier.

Ziel dieser Veranstaltungen ist es, die Mitglieder des ZVK-Nordverbundes und Praxisinhaber, die bisher nicht im ZVK oder überhaupt nicht organisiert sind, für das Thema Privatpreise zu sensibilisieren, und innerhalb von 6 Monaten von Flensburg bis Göttingen möglichst dezidierte Informationen über die ortsüblichen Privatpreise im Bereich der Physiotherapie zu erhalten.

Grund genug, die beiden Referenten zu den Zielen der Aktion zu befragen. Herr Wim Jansen ist Vorstandsmitglied und Praxisinhaber in Schleswig-Holstein. Herr Schumacher ist der Geschäftsführer des ZVK-Nordverbundes.

ZSPT: Herr Jansen, Herr Schumacher, Sie haben jetzt die ersten beiden Informationsveranstaltungen in Bremen und in Hamburg hinter sich, und im März sind noch zwei Veranstaltungen in Hannover und Neumünster geplant. Wie ist Ihr erster Eindruck nach zwei Veranstaltungen?

Jansen: Ich fand beide Veranstaltungen sehr gelungen, auch wenn ich persönlich erwartet hätte, dass beim Thema Privatpreise und einer Aktion, die im Ergebnis zu mehr Geld in unseren Praxen führen kann, doch deutlich mehr Kolleginnen und Kollegen kommen.

Schumacher: Wir werden sehen, wie viele Mitglieder und Nichtmitglieder in Niedersachsen und Schleswig-Holstein an den Veranstaltungen teilnehmen werden. Wenn man sich anschaut, wie viele Leute normalerweise eine Mitgliederversammlung in Bremen besuchen, und wie viele Bremer jetzt diese Veranstaltung zum Thema Privatpreise besucht haben, sieht man, dass wir das richtige Thema bespielen. Bei der Veranstaltung in Hamburg waren viele aktive Mitglieder aus dem Hamburger Westen nicht da. Hier haben wir seit Jahren ein Privatpreis-Niveau, das wir in den anderen Regionen des Nordverbundes erst erreichen wollen.

ZSPT: Wie sind die Informationsveranstaltungen aufgebaut? Welche Inhalte und welche Ziele wollen Sie transportieren und erreichen?

Jansen: Wir haben in den Jahren 2014/2015 mit dem Thema „Physiotherapie ist mehr wert“ richtig was gerissen. Ausgehend von unseren Mitgliederversammlungen in den letzten Jahren haben wir mit der Kampagne „38,7 % mehr“ sehr ambitionierte Forderungen erhoben. Auf den Informationsveranstaltungen zeige ich auf, welche breite Resonanz unsere Kampagne in den Medien erfahren hat, und wie sich durch diese öffentlichkeitswirksame Beschreibung der ökonomischen Situation von Physiotherapeuten die kleine und große Politik sowohl auf Landes- wie auch auf Bundesebene mit unserer Situation beschäftigt und an der einen oder anderen Stelle positive Veränderungen politisch beschlossen hat.

ZSPT: Können Sie das an konkreten Beispielen verdeutlichen?

Jansen: Na klar! Über die ökonomische Situation der Physiotherapeuten/Krankengymnasten in Deutschland wurde mit gut recherchierten Artikeln im Spiegel, in der Süddeutschen, in der FAZ, im Hamburger Abendblatt, in den Kieler Nachrichten und vielen regionalen Zeitungen berichtet. Hinzu kamen Dutzende von Beiträgen in den Hörfunkprogrammen. Das hat es in dieser Form und in diesem Umfang noch niemals gegeben.

Ich könnte als Praxisinhaber – so wie viele meiner Kollegen auch – weitere Mitarbeiter wirklich gut gebrauchen. Das Problem ist nur: Ich finde sie nicht. Es gibt genügend Physiotherapeuten, aber trotzdem kann eine Vielzahl von offenen Stellen in den Praxen nicht besetzt werden. Die Erklärung dafür ist unter anderem sicherlich auch, dass die Gehälter, die in der physiotherapeutischen Praxis gezahlt werden, nicht gerade als wertschätzend bezeichnet werden können. Wer aber für Behandlungen häufig nicht einmal 15,- Euro bekommt, kann kaum Stundenlöhne zahlen, mit denen man die Altersarmutsgrenze von geschätzten 2.500 Euro brutto monatlich übersteigt.

ZSPT: Ist Ihr Eindruck, dass diese erhebliche mediale Präsenz tatsächlich etwas bewirkt hat?

Jansen: Eindeutig ja! Selbstverständlich sind Veröffentlichungen in den Medien Zeitungen, Hörfunksendungen und teilweise auch im Fernsehen kein Selbstzweck. Es freut zwar unsere Mitglieder, wenn die Berufsgruppe oder „ihr“ Verband in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, aber die ganz erheblichen Aktivitäten des Verbandes, die zu solchen Veröffentlichungen führen, haben eindeutig zum Ziel, die öffentliche und damit die politische Wahrnehmung auf ein Problem zu lenken.

ZSPT: Das heißt, die Politik hat sich der Probleme der Physiotherapeuten angenommen?

Jansen: Ja, so einfach ist das. Bei unseren Informationsveranstaltungen zeige ich in meiner Präsentation auf, welche politischen Aktivitäten auf der Landes- und Bundesebene stattgefunden haben. Das waren häufig Lobbygespräche. Das beginnt mit Anfragen bei einzelnen Landtagsfraktionen und den entsprechenden Antworten der jeweiligen Landesregierung. So hat zum Beispiel letztes Jahr die Landesregierung Niedersachsen sehr ausführlich zur beruflichen Situation in der Physiotherapie Stellung genommen. Diese positive Einstellung zu den Heilmitteln allgemein, aber insbesondere zur Physiotherapie, war natürlich dann für uns der Aufhänger, mit der Landesregierung in Niedersachsen intensiv über die berufliche Situation von Physiotherapeuten zu sprechen.

ZSPT: Und bringen solche Gespräche etwas?

Jansen: Ja natürlich! Auch wenn es nicht immer nachzuweisen ist, dass es zwischen Gespräch, also Lobbyarbeit, und einer konkreten politischen Entwicklung einen kausalen Zusammenhang gibt. Wir haben aber sehr deutlich gemerkt, wie uns die Kampagne „38,7 % mehr“ und die mediale Präsenz geholfen haben, unsere Themen zu transportieren. Unter anderem haben diese Aktivitäten – die nicht allein auf den Nordverbund beschränkt waren - dazu geführt, dass der Bundesrat bzw. die Konferenz der Gesundheitsminister sich einstimmig für eine verbesserte berufliche Situation der Heilmittelerbringer und insbesondere der Physiotherapeuten aussprach. Das zeigt natürlich auch auf der Bundesebene Wirkung.

Hinzu kommt, dass man ja die Landes- und die Bundesaktivitäten der politischen Parteien kaum scharf voneinander abgrenzen kann. Jeder Bundespolitiker ist auch zugleich Landespolitiker, denn dort finden die Wahlen statt, die ihn in seine Position auf der Bundesebene „transportieren“. Deshalb ist es auch nicht überraschend, dass sich die Bundesregierung und insbesondere die die Bundesregierung tragende Große Koalition im Jahr 2015 sehr intensiv mit den Physiotherapeuten beschäftigt haben.

ZSPT: Na ja, beschäftigen allein reicht ja nicht. Es müssen ja auch konkrete Beschlüsse gefasst werden. Gab es welche? oder gibt es solche Beschlüsse, die tatsächlich die berufliche Situation von Physiotherapeuten verbessern oder zumindest verbessern können?

Jansen: Auch hier wieder ein uneingeschränktes Ja! Der Fachkräftemangel beginnt bei der Ausbildung. Deshalb freut es den Vorstand des ZVK-Nordverbundes, dass auch im Nordverbund zunehmend die Ausbildung an Ausbildungsstätten, die den Universitätskliniken angegliedert sind, nicht mehr von den angehenden Physiotherapeuten selbst bezahlt werden muss.

Weiter hat sich das politische Berlin im vergangenen Jahr mehrfach mit dem Thema „Wegfall der Grundlohnsummendeckelung“ beschäftigt. Gerade in der jüngeren Vergangenheit – Ende 2015 – hat die Bundesregierung zum Thema Direktkontakt und zur ökonomischen Situation der Physiotherapie bzw. der Heilmittelerbringer insgesamt Stellung genommen.

Das zeigt für mich sehr deutlich, dass aktuell unheimlich viel in Bewegung geraten ist. Und last but not least haben genau diese Aktivitäten zur Verabschiedung des Versorgungsstärkungsgesetzes geführt, welches nun selbst bei hanseatischer Zurückhaltung als ein Fortschritt zu sehen ist.

ZSPT: Können Sie den Lesern und Ihren Mitgliedern noch einmal kurz sagen, was die Grundlohnsummendeckelung eigentlich wirklich ist?

Jansen: Ja, klar. Jedes Jahr werden die in Deutschland abgeschlossenen Tarifverträge durch das Bundesministerium für Gesundheit, das BMG, analysiert. Aufgrund dieser Tarifabschlüsse ist in einem relativ komplizierten Verfahren eine Schätzung möglich, wie sich die Beitragseinnahmen der Krankenkassen im darauf folgenden Jahr entwickeln werden. Also: Höhere Löhne führen unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze auch zu höheren Einnahmen bei den Krankenkassen.

Die Grundlohnsummendeckelung bedeutet nichts anderes, als dass sämtliche Vergütungen, die Leistungserbringer bekommen, so also auch die Preise für physiotherapeutische Leistungen, in der gesetzlichen Krankenversicherung höchstens so stark steigen dürfen, wie die vermuteten Mehreinnahmen der Krankenkassen sein werden. Das Ziel ist eindeutig Beitragsstabilität.

ZSPT: Das bedeutet aber doch, dass die Forderung des ZVK bzw. Physio Deutschlands, 38,7 % höhere Vergütung von den Kassen zu bekommen, bei einer solchen „Preisdeckelung“ schlicht und ergreifend nicht möglich ist.

Jansen: Wenn die Löhne um 2 % steigen, und damit die Vorgabe lautet „höchstens 2 % Steigerung“, bedeutet das nicht, dass man immer auch 2 % bekommt, sondern dass die Krankenkassen auch ein Interesse daran haben, die Verhandlungen mit einer Steigerung von nur 1,0 % oder 1,5 % abzuschließen. Darüber hinaus bedeutet es aber in jedem Fall, dass man eine Steigerung von 38,7 % überhaupt nur über einen sehr langen Zeitraum erreichen würde. Deshalb war und ist unsere Forderung ganz eindeutig: Die Deckelung auf die Grundlohnsumme muss abgeschafft werden.

ZSPT: Ist das nicht völlig unrealistisch?

Jansen: Nein, und das haben die letzten Monate auch gezeigt. Innerhalb der CDU/CSU-Fraktion gab es ein eindeutiges Votum für die Abschaffung der Grundlohnsummendeckelung. In der SPD-Bundestagsfraktion gab es hier allerdings eine eher indifferente Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern.

Letztendlich ist aber das Thema „Wegfall der Grundlohnsummendeckelung“ von der politischen Tagesordnung genommen worden, weil zunächst zwei Dinge in ihren Auswirkungen bewertet werden müssen:

Zum einen bringt der Wegfall der Grundlohnsummendeckelung für sich allein genommen noch überhaupt nichts, denn es würde nur bedeuten, dass den Krankenkassen das Argument, sie dürften keine höheren Abschlüsse akzeptieren, wegfiele. Aber es gäbe damit noch kein weiteres oder neues Argument, das aus Sicht der Kassen für höhere Abschlüsse sprechen würde. Und dies insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass viele Krankenkassen gerade in den letzten Wochen den Zusatzbeitrag deutlich erhöht haben.

Deshalb ist es für uns wichtig, dass man nicht allein den Wegfall der Grundlohnsummendeckelung fordert, sondern parallel dazu die Einführung von verbindlichen Schiedsverfahren, die nicht länger als 6 Monate dauern dürfen. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass wir mit den Krankenkassen bei jeder Verhandlungsrunde eine über mehrere Jahre dauernde Hängepartie ausfechten müssten.

Das Zweite ist die Verabschiedung des Versorgungsstärkungsgesetzes. Das politische Berlin geht davon aus, dass alleine diese Beschlüsse im Bereich der Heilmittel jedes Jahr über knapp 80 Millionen mehr Vergütung bewirken werden. Mir persönlich reicht das nicht, aber es ist ein guter Schritt in die richtige Richtung.

ZSPT: Was beinhaltet das Versorgungsstärkungsgesetz (VSG)?

Schumacher: Kurz gesagt – Ostern und Weihnachten an einem Tag.

ZSPT: Sie scheinen ja sehr zufrieden mit dem VSG zu sein.

Schumacher: Ja! Na ja, es immer eine Frage, was man erreichen möchte, und was man tatsächlich erreicht. Wenn wir uns angucken, dass wir in den nächsten 12 Monaten eine Arzt-Software bekommen, die schlicht und ergreifend verhindert, dass Rezepte falsch ausgefüllt sind, dann gehören hier Bürokratie und Absetzungen der Vergangenheit an. und sich vergegenwärtigt, wie viel Aufwand in unseren Praxen bisher betrieben werden muss, damit fehlerhafte Rezepte von den Ärzten korrigiert werden, dann ist das schon unter vielen Gesichtspunkten ein Riesenfortschritt. Weniger Bürokratie und die Absicherung vor Absetzungen.

Es werden ärztliche Regresse beendet sein. Das ist auch für die Heilmittelerbringer und die Patienten gut. Dann werden ärztliche Regresse für Heilmittel faktisch beendet sein. Hier gibt es noch viel Arbeit für uns auf der regionalen Ebene, denn nunmehr müssen wir in allen vier Bundesländern des ZVK-Nordverbundes möglichst gute Praxisbesonderheiten oder identische Instrumente in die Verhandlungen zwischen den Kassen und den kassenärztlichen Vereinigungen implementieren, wie es uns seit Jahren insbesondere in Hamburg und Schleswig-Holstein gelungen ist.

Darüber hinaus bedeutet das VSG, dass in einem Zeitraum von knapp 4 Jahren mit dem Schwerpunkt in den Jahren 2016 und 2017 alle Krankenkassenpreise, egal wo sie heute stehen, mindestens auf das Niveau der Ersatzkrankenkassen angehoben werden.

Wenn wir uns die diesjährigen Preisverhandlungen anschauen, werden wir in diesem Jahr alleine im Vertragsgebiet Bremen eine Steigerung von knapp 7% erreichen. In den anderen Bundesländern sind wir gerade mitten in den Verhandlungen, aber auch hier bin ich mir sicher, dass wir wirklich ganz erhebliche Preissteigerungen in 2016 erreichen werden. Mit dem VSG heben wir alle historisch schlechten Preise auf vdek-Niveau. Das ist bei aller berechtigten Forderung nach noch mehr schon ein richtiger Schluck aus der Pulle.

Ich mache das mal an einem einfachen Beispiel deutlich. In allen vier Bundesländern des Nordverbundes ist die KG Einzel die Position, die am meisten verordnet wird. Jetzt im Februar 2016 zahlen die Ersatzkrankenkassen für diese KG Einzel 15,82 Euro. Ende 2015 gab es in Bremen für die gleiche Position 14,70 Euro, und am Ende dieses Jahres wird es für diese Position 15,75 Euro geben. Aus Bremer Sicht ist das ein ziemlich großer Schritt in die richtige Richtung. Ähnliches gilt für unsere Preise in Niedersachsen und für die Preise bei den Primärkrankenkassen in Hamburg und Schleswig-Holstein.

Das alles führt dazu, dass ich mich für unsere Mitglieder und für die Berufsgruppe der Physiotherapeuten insgesamt einfach freue. Aber ich bin auch stolz darauf, dass ein sehr langer Lobbyprozess zu einem solch positiven Ergebnis geführt hat. Natürlich sind das keine 38,7 %, aber es ist eben der erste Schritt in die richtige Richtung. Und das stimmt mich insgesamt positiv.

ZSPT: Das ist also der Inhalt Ihrer Informationsveranstaltung?

Jansen: Nein, das ist nur der erste Teil, der sich mit der Entwicklung in den Jahren 2014/2015 und dem VSG beschäftigt. Aber der zweite Teil ist mindestens genauso wichtig, denn hier geht es um das Thema Privatpreise und die Aktion, die wir in diesem Jahr starten wollen.

ZSPT: Um was für eine Aktion handelt es sich denn genau?

Schumacher: Wir haben einen Fragebogen entwickelt, der von allen Praxen, unabhängig davon, ob sie im ZVK organisiert sind oder nicht, von Flensburg bis Göttingen, von Emden bis Wolfsburg wahrheitsgemäß ausgefüllt und an den ZVK-Nordverbund zurückgeschickt werden soll.

ZSPT: Das hört sich aber eher langweilig an.

Schumacher: Ja, das mag sein, aber wenn es funktioniert, führt es zu einer Revolution bei den Privatpreisen von Privatpatienten.

ZSPT: Das müssen Sie uns bitte erklären.

Schumacher: Es ist so einfach wie einleuchtend: Mit wenigen Ausnahmen sehen alle Versicherungsverträge bei der PKV, der privaten Krankenversicherung, vor, dass die Versicherungen ihren Versicherten das ortsübliche Entgelt für krankengymnastische Leistungen erstatten müssen. Das bedeutet, dass der Preis, der in einer Region für die gleiche Leistung von der überwiegenden Anzahl der Praxen genommen wird, der Preis ist, der von der PKV zu erstatten ist. Kennen wir den ortsüblichen Preis, können wir ihn durchsetzen.

ZSPT: Und was ist der ortsübliche Preis zum Beispiel in Bremen, in Hamburg, in Hannover oder in Kiel?

Schumacher: Für Hamburg wissen wir das schon. Im Laufe der Jahre hat der Verband über meine Person, aber auch über meine Kanzlei so viele Hamburger Daten erfasst, dass wir genug Material haben, um sachverständig Auskunft über das Preisgeschehen in Hamburg geben zu können. Diese Erkenntnisse führten letztendlich dazu, dass es die Gerichte in Hamburg zunehmend als gerichtsbekannt unterstellen, dass der sogenannte 2,3-fache vdek-Satz in Hamburg ortsüblich sei. Ob das wirklich für jede Region in Hamburg und für jeden Stadtteil so stimmt, lasse ich an dieser Stelle einmal offen.

Aber sobald wir den Stadtbereich der Freien und Hansestadt Hamburg verlassen, verlassen uns auch die Erkenntnisse. Seriös kann heute keiner sagen, welche Preise in Hannover, Bremen oder Kiel von der Mehrheit der Praxen von Privatpatienten genommen werden. Und wer diese Preise nicht kennt, kann auch nicht definieren, was ortsüblich ist. Und wer dies nicht definieren kann, kann es auch nicht durchsetzen.

ZSPT: Haben wir Sie richtig verstanden, dass zum Beispiel in Bremen, Hannover oder Kiel sich ein Patient nicht wirklich wehren kann, wenn seine PKV ihm mitteilt, der Preis X sei zu hoch und der Preis Y sei ortsüblich.

Schumacher: Ja, genau so ist es aktuell, und das wollen und werden wir ändern. In dem Moment, wo uns möglichst viele Praxen, ob sie nun im ZVK organisiert sind oder nicht, den Erfassungsbogen mit den von ihnen genommenen Privatpreisen zusenden, werden wir diesen vertraulich und selbstverständlich anonymisiert, ohne Erfassung der konkreten Praxis, sondern nur der Region oder der Stadt, auswerten und darstellen können, wie die Privatpreise in der jeweiligen Region sind.

ZSPT: Und dort, wo nicht genügend Antworten kommen? Was ist da?

Schumacher: Dort, wo wir nicht in ausreichender Zahl Antworten erhalten, können wir über die Ortsüblichkeit von Privatpreisen auch weiterhin keine sachverständige Antwort geben. Wer also nicht mitmacht, verschlechtert seine eigene Position. Ich bin aber sehr optimistisch, dass es klappen wird.

ZSPT: Das heißt, die Aktion zielt gar nicht auf höhere Preise bei den Privatpatienten ab?

Schumacher: Doch, es gibt zwei Teile. Der erste Teil ist schlicht und ergreifend die Erfassung des tatsächlichen Preisniveaus in einer definierten Region. Das sind die kreisfreien Städte und die Landkreise, in Hamburg die Bezirke. Auf der anderen Seite machen wir in unseren Informationsveranstaltungen deutlich, dass jeder, der zum Beispiel Beihilfe ohne Zuschläge nimmt bzw. als Preis verlangt, auch die Ortsüblichkeit mit definiert und zwar zum Schlechten.

ZSPT: Das kann Ihnen doch aber eigentlich egal sein, ob jemand Beihilfe nimmt oder nicht.

Schumacher: Nein, das kann uns nicht egal sein. Wir haben in den letzten Monaten gegenüber der Politik deutlich gemacht, dass die Aktion „Physiotherapie ist mehr wert“ darauf abzielt, dass die gesetzliche Krankenversicherung deutlich höhere Vergütungen für die Einzelleistung Physiotherapie/Krankengymnastik bezahlt. Dies haben wir unter anderem auch damit begründet, dass ansonsten ein Fachkräftemangel droht, unter anderem auch deshalb, weil bei einer schlecht bezahlten Einzelleistung kaum auskömmliche Gehälter gezahlt werden können.

Im Rahmen dieser Diskussion mit der Politik ist uns immer wieder vorgeworfen worden, dass sich unsere Praxen in einem Bereich, in dem sie selbst agieren können, vereinzelt „tot“ stellen, obwohl die beihilfefähigen Höchstbeträge seit 14 Jahren nicht erhöht wurden. Obwohl jeder weiß, dass sie auch niemals mehr erhöht werden, sondern sogar die Gefahr besteht, dass sie auf GKV-Niveau abgesenkt werden, gibt es immer noch Praxen, die nicht nur gegenüber beihilfefähigen Patienten, sondern auch gegenüber anderen Privatpatienten, aus welchen Gründen auch immer „nur“ Beihilfesätze nehmen.

Mir persönlich ist kein Einzelpreis als Privatpreis bekannt, der unterhalb der beihilfefähigen Höchstbeträge liegt.

Alle Patienten müssen inzwischen Zuzahlungen leisten, im Bereich der GKV über 10 %. Es ist deshalb überhaupt nicht einleuchtend, dass es Praxen gibt, die auf der einen Seite seit 14 Jahren ihre Privatpreise nicht erhöhen, sich dann aber auf der anderen Seite darüber beklagen, ihren Mitarbeitern keine auskömmlichen Gehälter zahlen zu können. Dies ist widersprüchlich und unglaubwürdig und schadet politisch insgesamt der Branche.

ZSPT: Haben wir Sie richtig verstanden, dass es alleine dadurch, dass möglichst viele Praxen den Fragebogen ausfüllen, bereits zu eine positiven Veränderung in der Erstattung der PKV kommen wird?

Schumacher: Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung ja. Es wird Regionen geben, wo wir feststellen, dass eine größere Anzahl von Praxen Privatpreise weit oberhalb einer Bezugsgröße, zum Beispiel der beihilfefähigen Höchstbeträge, nimmt. Mit unserer Aktion werden wir diesen Praxen helfen, ihre Preise weiter am Markt behaupten zu können. Wir helfen den Patienten, die Erstattungen gegen die PKV auch durchzusetzen, und insbesondere können wir damit die Mutigen unterstützen.

ZSPT: Ist mutig der, der den 2,3-fachen vdek-Satz nimmt?

Schumacher: Ich werde zu Preisen nicht allzu viel sagen. Die Kartellrechtsprechung gibt hier Verbänden nicht besonders viel Spielraum.

Welche Preise sich für physiotherapeutische/krankengymnastische Leistungen in welcher Region durchsetzen, hat sicherlich auch mit der Kaufkraft in der jeweiligen Region zu tun. In einer ärmeren Region werden sich andere Preise am Markt durchsetzen als in einer eher wohlhabenden.

Deshalb kann es keine Vorgaben von Flensburg bis Göttingen und von Emden bis Wolfsburg geben. Aber wir machen in unseren Informationsveranstaltungen deutlich, dass eine Vergütung, die es bereits vor 14 Jahren gab, allein aufgrund der Entwicklung der Miet- und Energiekosten heutzutage unter allen Gesichtspunkten nicht mehr kostendeckend sein kann.

Das sagt übrigens auch das Bundesinnenministerium zur Beihilfe: Die sagen schon seit Jahren das, was wir gerade unseren Praxen zu vermitteln versuchen. Die Beihilfe ist nicht kosten-deckend, die meisten beihilfefähigen Berechtigten haben auch Zusatzversicherungen. Eine Steigerung von vielleicht 10 % ist unter vielen Gesichtspunkten indiziert.

Und wenn das viele Praxen machen, führt das auch zu einer Veränderung des ortsüblichen Preises. Denn der ortsübliche Preis ist nicht ein Euro-Betrag sondern eine Spanne zwischen verschiedenen Beträgen.

ZSPT: Das bedeutet, man füllt den Erfassungsbogen aus und schickt ihn an den Verband, oder man kopiert ihn vorher noch und gibt ihn an andere Praxen weiter, und jeder füllt aus, was er da gerade möchte?

Schumacher: Nein. Der erste Teil ist schon vernünftig. Man sollte den Fragebogen über den Verband anfordern und ihn dann selbst ausfüllen, aber auch an möglichst viele Praxen in der Umgebung verteilen, auf die Aktion hinweisen und unabhängig von der Verbandsmitgliedschaft viele dazu ermuntern, sich ebenfalls an dieser Befragung zu beteiligen.

Zu Ihrer Frage bezüglich irgendwelcher Phantasieangaben ist die Antwort eindeutig: Das geht nicht! Beim Ausfüllen ein wenig zu schwindeln hat Konsequenzen. Dem von uns entwickelten Erfassungsbogen liegt auch eine eidesstattliche Versicherung bei. Der Grund hierfür ist, dass wir nur mit eidesstattlicher Versicherung zukünftig Gerichte und andere Stellen davon überzeugen können, dass es sich bei den Angaben der Praxen eben nicht um Phantasiepreise handelt. Wer also hier schwindelt, macht sich strafbar. Man sollte schlicht und ergreifend den Fragebogen wahrheitsgemäß ausfüllen. Es sind nur 10 Minuten Aufwand, der allen Praxen im Nordverbund zugutekommt. Ich glaube, dass das drin ist.

ZSPT: Können dann später alle Praxen die Ergebnisse der ausgewerteten Fragebögen anfordern?

Jansen/Schumacher: Nein, nur die Praxen, die mitmachen, können auch die anonymisierten Ergebnisse einsehen. Wir werden diese Aktion jedes Jahr wiederholen, und irgendwann ist es ein Selbstläufer. So werden wir in unserem Bereich gerichtsfeste Informationen darüber bekommen, wie sich die Privatpreissituation darstellt. Das, was ortsüblich ist, muss erstattet werden. Hierbei unterstützen wir unsere Praxen und unsere Patienten.

Wir bitten deshalb alle unsere Praxen, sich an der Aktion zu beteiligen, und möglichst viele andere Praxen – ob organisiert oder nicht, und egal wo – über die Aktion zu informieren, denn je mehr Praxen mitmachen, desto erfolgreicher werden wir sein!

Den Erfassungsbogen bekommen alle über die Geschäftsstelle des ZVK-Nordverbundes unter info(at)nv.physio-deutschland.de per E-Mail. Er kann auch hier direkt von unserer Homepage heruntergeladen werden.

ZSPT: Vielen Dank für das Gespräch!