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11.06.2018

Heilmittelzielvereinbarung 2018 in Niedersachsen

Zwischen den Krankenkassen in Niedersachsen und der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen wurde für 2018 eine neue Zielvereinbarung abgeschlossen. Es ist nach 2017 die zweite ihrer Art.

In einzelnen sozialen Netzwerken hat diese Vereinbarung zu kontroversen Diskussionen geführt, die inhaltlich nicht immer die tatsächlichen Gegebenheiten widerspiegeln. Solche „Meldungen“ bergen die Gefahr in sich, dass Ärzte vieles falsch verstehen. Deshalb hier einige Erläuterungen zum Thema:

Diese Form von Vereinbarungen mit regionalen Besonderheiten ist überhaupt erst seit dem Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) aus 2016 möglich.

Die meisten Ärzteorganisationen empfinden die Richtgrößenprüfung alter Schule als zu statisch. Zur Erinnerung: Bei Richtgrößen war ab einer Überschreitung von mehr als 25 % ein Regressverfahren zwingend vorgesehen. Einzelne Arztgruppen forderten ein anderes System.

In Niedersachsen wurde deshalb 2017 auf die Fachgruppenprüfung abgestellt. Ein Regressverfahren wird seitdem "erst" bei einer Überschreitung von 50 % über der Fachgruppe eingeleitet. Dies wurde von der Ärzteschaft nicht nur als Reduktion der Regressgefahr angesehen, sondern auch als Möglichkeit, mehr zu verordnen. Und diese Feststellung ist objektiv richtig!

Falsch hingegen ist die Aussage, dass alle Ärzte in Niedersachsen aufgefordert wurden, 3,5 % weniger zu verordnen als 2017. Diese Regelung soll denjenigen Ärzten entgegenkommen, die bereits in der Vergangenheit viel Heilmittel verordnet haben: Wenn bei einem Arzt eine Überschreitung von mehr als 50 % zur Fachgruppe festgestellt wird (also eigentlich ein Regressverfahren droht und der Arzt die Überschreitung mit Praxisbesonderheiten erklären müsste), dieser Arzt aber 3,5 % weniger verordnet hat als im Vorjahr, dann wird das Regressverfahren sofort eingestellt!

Nochmal im Klartext: Die Wirtschaftlichkeitsprüfung findet nicht mehr bei 25 % Überschreitung der Richtgröße statt, sondern erst bei 50 % über dem Fachgruppendurchschnitt. Und selbst ein Arzt, der dann eigentlich für einen Regress „fällig“ wäre, kann dieses Regressverfahren im Keim ersticken, wenn er 3,5 % weniger Heilmittelverordnungen als im Vorjahr erstellt hat.

So gut diese Regelung für ärztliche Vielverordner objektiv ist, so schnell kann sie aber auch zu flächendeckender Verunsicherung führen. Denn bei den Richtgrößen war ein fester Eurobetrag vorgegeben – multiplizierte der Arzt diese Richtgröße mit seinen Fällen („Scheinen“), konnte er bereits „Pi mal Daumen“ sein Budget berechnen. Dies ist jetzt nicht mehr möglich, denn die Informationen über den Fachgruppendurchschnitt kommen erst nach einem halben Jahr. Das ist wie Fahren im Tunnel ohne Licht.